Roberto S.

„Ich glaube, in meiner Person ist eine harmonische Einheit. Der Erwachsene und das Kind. Als Kardiologe war ich nur der Erwachsene. Jetzt spielen der Erwachsene und das Kind zusammen.“

Hamburg, 53°33 N, 20.07.2023


Aufgeschrieben von Maria Regina Heinitz / Stories of Life (Link)

Wer zu Roberto will, muss im Eppendofer Weg den Durchgang unter der Nummer 69 nehmen. Er muss einen Hinterhof überqueren, in einem dunklen Gang an altersschwachen Gartenmöbeln, Fahrrädern, Kinderwagen und Blumentöpfen vorbei, um in einen zweiten Hof zu gelangen, in dem sich, hinter einer dunkelblauen Metalltür, Roberto‘s Zuhause, seine Werkstatt verbirgt.
‚Spadoni’ steht in etwas ungelenker Schrift unter der Hausnummer. Und auf der Metalltür steht es noch einmal, wie, um es zu bestätigen, dass man kurz davor ist, ihn gefunden zu haben: Roberto Spadoni und eine Handynummer. Keine Klingel.
„Roberto!“
„Komm rein!“
Trübes Licht schimmert durch die Scheiben. Die Tür geht schwer. Kühle Luft drängt mir entgegen. Kellergeruch vermischt mit Werkstattatem.
Meine Augen gewöhnen sich langsam an die Dunkelheit.
Eine fantastische Welt tritt aus dem Schatten. Ich bin inmitten eines Sammelsuriums ausrangierter Dinge aus Metall und Holz. Kein Friedhof, eher so etwas wie eine Geburtsstation: Lächelnde Spatenschaufeln, glücklich glänzende Flugobjekte, Autos, armreckende Hampelmänner mit Schaufelgesichtern, grinsende Blechkacheln. Am Rand eines Regals tummeln sich Gruppen mürrischer Kneifzangen, staunende Hacken, Gesichter aus fingerdicken Ketten, Winkeln, Schrauben. Ein rostiger Eulenvogel beobachtet mich aus hohlem Auge. Eingekeilt zwischen Armeen metallischer Gegenstände steht ein Pferd, das mich an Troja denken lässt, den Hals gestreckt, die Mähne ein alter Feger, der Bauch aus Obstkistenholz, im Innern eine erloschene Glühbirne.Und zwischen diesen ganzen Dingen unzählige Figuren, von winzig klein bis überlebensgroß, die Gewänder, verbogene, zerknitterte Metallteile, in der Bewegung erstarrt. Madonnenstatuen mit Jesuskind, biblische Gestalten mit Wanderstab, gesichtslose Mönche, Helden und Heilige, von einer Eleganz und Ausdrucksstärke, die mich fasziniert. Es scheint, als hätten diese alten, ungeliebten Dinge hier ein zweites Leben begonnen, ein neues Gesicht, eine andere Gestalt ihnen die vielleicht wahre Bestimmung gegeben. „Ich habe den Großteil vom Schrottplatz,“ sagt Roberto auf meine Frage, woher all die Teile stammen, die sich in den drei verschachtelten Werkstatträumen in den letzten über 20 Jahren gesammelt haben.
„Früher konnte man mit dem Auto hineinfahren, heute ist es verboten, man muss den Schrott stehlen. Selbst das Zurückbringen ist schwierig.“ Das meiste stammt von Robertos Lieblingsschrottplatz unter der Köhlbrandtbrücke, wo er vor einigen Jahren noch mit einem befreundeten Künstler oft ganze Nächte verbrachte.
Es ist, sagt Roberto, die Kunst des Sehens, die ihn die Teile finden lässt, in denen letztendlich seine Figuren verborgen sind. Es gibt noch viel daran zu arbeiten, wenn er sie mit in die Werkstatt nimmt. Er dreht sie tausendmal, er schaut und bewegt, betrachtet sie im Licht und Schatten und schneidet hier und dort etwas weg, bis das Wesen, das er beim Finden gesehen hat, übrig bleibt. „Doch die Falten, die Gestalt selbst, die hat am Ende der Zufall gemacht.“ Es gibt auch Leute, die etwas vorbeibringen. Pedale zum Beispiel, Scharniere, Werkzeuge, alles mögliche. Vieles hat er aus seiner Heimat mitgebracht. Aus Ravenna. Der Stadt am Meer, in der er aufgewachsen ist, wo seine Lust, etwas entstehen zu lassen aus einer Tragödie heraus geboren wurde. „Der Grund, warum ich Künstler geworden bin,“ erklärt Roberto, „ist ein Bild, das hier hängt.“
Wir betreten einen winzigen, dunklen Raum, der von der Werkstatt abgeht. In der hintersten Ecke ein Bett, die Wände übersät mit gerahmten Bildern, der Großteil von ihm, einige von befreundeten Künstlern. Es fühlt sich ein bisschen an, wie in einer modernen Version von Spitzwegs Welt des armen Poeten. Hier lebt jemand, dem bürgerliches Besitztum und konventionelle Lebensform nichts bedeuten. Der Raum ist einfach, bescheiden, fast mönchisch. Roberto tippt auf ein Kinderbild neben dem Fenster. In einem bewegten Meer liegen ein großes rotes und ein kleines gelbes Fischerboot, ganz rechts schwimmt ein dicker Walfisch, nur seine Flosse ist sichtbar. Angler stehen auf einem schwarzen Felsen, lange Schnüre hängen von den aufgerichteten Ruten ins Wasser. Und über allem spannt sich ein blauer, windiger Himmel, in dem dunkle Möwen treiben.
Mit vier, vielleicht fünf verliert Roberto durch einen Glassplitter das linke Auge. Seine Mutter, unfähig dem kleinen Jungen ihre Zuneigung zu zeigen, verbirgt diese hinter einer übergroßen Vorsicht. Während Gleichaltrige beim Sport brillieren, bleibt Roberto behütet zu Hause, immer im Gefühl, dass von ihm nichts erwartet wird, weil etwas an ihm kaputt ist. Er ist ein ausgezeichneter Schüler, aber das interessiert niemanden.
das Bild
Das Bild jedoch wird zu Hause aufgehängt und „ich hörte immer wenn Gäste kamen, dass meine Eltern von dem Bild begeistert waren, dass die Gäste davon begeistert waren… da habe ich zum ersten Mal ein positives Feed-Back bekommen. Ich konnte offenbar doch etwas, auf das mein Umfeld mit Begeisterung reagierte. Und diese Begeisterung wurde meine Droge.“
Die kunstinteressierten Eltern und Freunde nehmen den kleinen Roberto mit auf Biennalen, er bekommt Geschenke, die immer etwas mit dem Malen zu tun haben. Und Roberto malt. Trotzdem beschließt er nach dem Abitur, sich nicht der Kunst zu widmen, sondern Medizin zu studieren. Er braucht gesellschaftliche Anerkennung, er will beweisen, dass er normal ist, dass mit ihm doch alles stimmt, bevor er, mit 30, als fertiger Kardiologe, für sich weiß, dass dies nicht der Anfang einer großartigen Karriere, sondern das Ende eines langen Kapitels seines Lebens ist. Es ist 1988, als Roberto mit seiner Vergangenheit bricht und beschließt, als Künstler zu leben. Zeitgleich wird eine besondere Begegnung für ihn der Beweggrund, Italien zu verlassen. „Ich habe damals, Gott sei Dank, diese Frau kennengelernt, die Mutter meiner Tochter, zufällig, in Bologna. Sie war eine richtige Muse. Sie lebte in Hamburg, ich bin ihr gefolgt. Dann zog sie nach London. Ich hatte immer irgendwelche Reste gesammelt. Ich hatte Kisten davon. Auch als ich umgezogen bin, hatte ich im Auto Kisten von Schrott dabei, die ich in Italien gesammelt hatte. Und dann bastelte ich kleine Objekte aus Abfall und Schrott und schenkte sie ihr. Sie war fasziniert von ihnen. Und wenn ich sie besuchte, hatte ich die besondere Freude, meine Werke in London zu sehen!“
Nach und nach interessieren sich auch ihre Freunde für Robertos Kunstwerke, Freunde von Freunden, der Kreis wird größer. Die Leute sind begeistert. Es ist nicht mehr einfach nur Bastelkram, die Reaktionen zeigen ihm, es ist jetzt ernst. Es ist Kunst.  Die Leute nennen ihn nicht mehr ,dottore‘, was ihm bereits ziemlich unangenehm war, sie sagen jetzt ,maestro‘, das ist ihm extrem peinlich. Bei seiner ersten Ausstellung, in der er Skulpturen zeigt, die er mit Sekundenkleber zusammengefügt hat, begegnet Roberto Karl-Heinz Reese. Reese ist Schlossermeister, er hat eine eigene Werkstatt. Und Roberto sucht ihn auf, um jetzt etwas Neues auszuprobieren: Er lässt einzelne Teile aus Metall zusammenschweißen – und ist begeistert, von dem Material und der neuen Art der Verbindung. Er möchte selbst lernen zu Schweißen und Reese lässt ihn, wie mit Lehrlingen üblich, erst einmal „… die Bude fegen, er hat mir immer den stumpfsten Bohrer, die älteste Feile gegeben. Ich habe für ihn poliert und er hat ein bisschen was für mich geschweißt und – irgendwann war es mir einfach zu lästig, ihn immer zu überzeugen.“
Aus dem Meister-Lehrling-Verhältnis wird eine Freundschaft.
ie ersten Ausstellungen folgen, Galerien werden auf ihn aufmerksam, im NDR gibt es einen Beitrag über ihn. „Die ersten acht Jahre waren wie ein Film, ich musste nicht ins Kino gehen…“ Robertos Gesichtsausdruck spiegelt, wie aufregend und glücklich diese Zeit war. Und dann fügt er hinzu: „Ich bereue nichts…, es war immer spannend.“
Es ist ein lauer Sommerabend und ruhig in Robertos Hinterhof. Manchmal hören wir ein fernes Motorenbrummen vom Eppendorfer Weg, ein kurzes Topfklappern aus einer der oberen Wohnungen, eine Stimme, weit weg. Wir sitzen vor seiner Tür. Von oben kommt jemand die Stufen herab und grüßt. Roberto grüßt zurück. Sie kennen ihn alle hier, in den Hinterhöfen, im Viertel. Aber sie kommen viel zu selten.
Es gab nie einen Sammler, aber zu der Zeit, als Roberto noch regelmäßig eine Ausstellung im Jahr in Italien und in Deutschland machte, gab es Leute, die regelmäßig kamen und etwas gekauft haben. Jetzt, sagt er, sei er vielleicht ein bisschen bequem geworden. Er zieht geräuschvoll an seiner elektrischen Zigarette, starrt nachdenklich auf das wilde Pflanzenarrangement in den bemoosten Töpfen vor uns. Letztlich geht es auch nicht ums Verkaufen. Es geht um das, was für ihn als kleiner Junge eine so große Wichtigkeit hatte, vielleicht lebensbestimmend war. Es geht um die Resonanz, um das Wahrgenommenwerden, und mit dem Älterwerden um noch weitaus mehr:  Es geht darum, dass er mit anderen über seine Arbeit sprechen, sich intellektuell auseinandersetzen möchte, um weiterzukommen, sich weiter zu entwickeln.  Ob er sich etwas wünscht, frage ich ihn, ob er irgendwelche Visionen hat, für die Zukunft. „Nein“, sagt er, „keine Visionen, nur, dass hin und wieder mal jemand hier vorbeikommt.“ Ich muss daran denken, wie ich hierher gekommen bin. Ohne Schild, ohne Pfeil, ohne einen Hinweis. „Irgendwie, sage ich, werde ich den Eindruck nicht los, dass Du, wie Deine verborgenen Skulpturen, gefunden werden musst.“
„Ja,“ lächelt Roberto leise, „ja, das wäre schön.“


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